Im Juni 1966 wird der Wartburg 353 in Eisenach vorgestellt. Er feiert dieses Jahr also sein 60-jähriges Jubiläum. Produziert im Volkseigenen Betrieb (VEB) Automobilwerk Eisenach (AEW) wurde er zu einem begehrten Familienauto – eine Limousine mit 500 Litern Kofferraumvolumen. Über 1,2 Millionen dieser Fahrzeuge wurden bis 1988 produziert. Der Verkaufspreis lag bei 25.000 Ostmark. Bei Bestellung war eine Wartezeit von 10-17 Jahren keine Seltenheit.
Schneller und günstiger dagegen kam man an das Spielzeugauto des VEB Kombinat PIKO (Abk. für Pionier Konstruktion). Das elektromechanische Fernlenkauto war beliebt. Bereits 1967 kam der Wartburg 353 als solches durch PIKO Spielwaren auf den Markt.
Das Jubiläum des großen Modells nutzen wir, um das kleine Modell vorzustellen. Im Bestand des Hennebergischen Museums Kloster Veßra ist das Spielzeugauto in der Version eines Streifenwagens der Volkspolizei vertreten. Die Karosserie besteht aus Kunststoff, wobei der obere Bereich weiß (vergilbt), der untere dunkelgrün ist. Obenauf sitzt ein Blaulicht. Türgriffe, Stoßstangen, Kühlergrill und Radkappen sind silberfarben. Der Innenraum ist im Wesentlichen rot, die Armatur schwarz, das Lenkrad beige und der Schaltknüppel grau. Die Unterseite ist beige bis gelb. Das Nummernschild trägt das Kennzeichen „WA 19-67“ und verweist vermutlich auf den Produktionsbeginn des Wartburg 353 als Spielzeugausführung von PIKO im Jahr 1967. Die Fahrerseite hat einen Rückspiegel. Am unteren, grünen Bereich der Fahrertür ist noch der Rest eines Aufklebers zu erkennen, der das Auto als eines der Volkspolizei ausweist. Vom Auto weg führt ein graues Kabel, welches mit dem Steuerkasten verbunden ist. Mit diesem konnten das Auto in Bewegung gesetzt und gelenkt, die Sirene und Lampen zum Leuchten gebracht und gehupt werden. Zudem kann händisch die Motorhaube geöffnet und in den Motorraum geschaut werden.
Das Spielzeug ist nicht ganz unbeschadet in die Sammlung gekommen. Ihm fehlen ein Rücklicht und eine Radkappe. Die Antenne ist weg. Der Kabelschlauch ist an einer Stelle gebrochen und die Stoßstangen sind zerkratzt. Dies lässt vermuten, dass gern damit gespielt wurde.
Der Verpackungskarton ist knittrig, aber stabil. Eine Anleitung liegt nicht bei. Der Karton ist mit Bildern des Automobils und Produkthinweisen versehen. Ihm ist der Maßstab 1:15, der Hinweis auf elektronisches Spielzeug durch die Aufschrift „electric“, die Verwendung von zwei R20-Batterien und die Bedienung der Fernsteuerung zu entnehmen. Allerdings ist die abgebildete Fernbedienung nicht jene, die tatsächlich am Auto angebracht ist. Sie unterscheidet sich nicht nur optisch von der Abbildung, sondern auch in der Verwendung anderer Batterien. Es gab tatsächlich unterschiedliche Ausführungen der Steuerung, wobei die Verpackung scheinbar nicht angepasst wurde.
Auf der Verpackung sind zudem mehrere Versionen des Wartburgs zu sehen. Eine Seite zeigt ihn mit rot-weißer Karosserie, die entgegengesetzte mit rot-grüner sowie dem Schriftzug „POLICE“ auf der Motorhaube. Es gibt die Ausführung als Streifenwagen ebenso mit der Bezeichnung „Volkspolizei“. Die Ausführungen auf Deutsch und Englisch verweisen auf die Export-Tätigkeit des Herstellers, wobei die international verständlichere „POLICE“-Version in der Regel exportiert wurde. Bei dem Modell aus der Sammlung des Hennebergischen Museums Kloster Veßra ist weder der eine noch der andere Schriftzug auf der Motorhaube zu sehen. Ob dieser beim Spielen Verlust gegangen ist oder nie angebracht war, bleibt als Frage offen. Wenn man der Verpackung Glauben schenkt, müsste es sich allerdings um ein Export-Modell gehandelt haben. Ob dieses tatsächlich die DDR verließ oder letztendlich doch innerhalb der DDR gehandelt wurde, kann allerdings nicht rekonstruiert werden.
Der PIKO-Spielwarenkarton ist gestempelt. Hersteller, Betrieb, Artikelnummer und Verpackungspreis werden genannt: „VEB Kombinat PIKO | Betrieb Eisfeld | Art.-Nr. 54 41 12/12/6 | ELN 182 34 11 | EVP M 31,50“. In Eisfeld produziert fand dieses Modell – ob mit Umweg übers Ausland oder nicht – seinen Weg nach Hildburghausen. Der vorherige Eigentümer hat die Verpackung mit seinem eigenen Adress-Stempel versehen, bevor das Fahrzeug ins Museum kam. Ob es weitere Vorbesitzer gab, ist unklar.
Einige werden sich jetzt fragen, ob der Wagen noch fährt. Ob wir einen Funktionstest gemacht haben? Natürlich! Wir haben es uns nicht nehmen lassen, eine Batterie anzuschließen. Der Wagen rollt, die Hupe trötet – wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig. Vielleicht hattest Du das gleiche oder ein ähnliches Modell zuhause und erinnerst Dich an das Geräusch?
Elektromechanisches Spielzeugauto Wartburg 353, um 1980
Material: Kunststoff, Draht, Metall, gepresst, gesteckt, gelötet
Hersteller: VEB Kombinat PIKO, Betrieb Eisfeld, Art.-Nr. 544112/12/6
Maße: 10 cm x 10,5 cm x 28,3 cm (Auto), 110 cm (Kabel), 5 cm x 11 cm x 7 cm (Steuerung), 16,5 cm x 12 cm x 31 cm (Verpackung)
HMKV, Inv.-Nr. III 2927
Literatur und Quellen:
Gärtner, Stefan: Spielzeugautos in der DDR. Band 1. PKW – Rennwagen – Kleintransporter, Battenberg 2001.
Graf Adelmann v. A., Quirin / Wolle, Stefan: Spielzeug, in: Graf Adelmann v. A., Quirin / Freiherr von Godin, Gordon (Hrsg.): DDR in Objekten: Alltag, Heim, Konsum/GDR in objects: Daily Life, Home, Consumtion 1949 – 1990, Berlin 2020, S. 343.
Grosch, Daniela: Verschwundene Dinge der DDR, Berlin 2019, S. 100.
Havenstein, Bernd: DDR Spielzeug, Köln o. J., S. 45–59.
Krause, Sebastian: Bewegte Geschichte. Wartburg 353 feiert 60. Geburtstag: Das unterschätzte Auto der DDR, in: https://www.berliner-kurier.de/ddr/wartburg-353-60-jahre-alt-li.10070028 (zul. aufg. am 9.6.2026).
Bildquellen: Fotoarchiv HMKV