Gern hätte ich dem Objekt des Monats Februar des
Hennebergischen Museums Kloster Veßra die Überschrift „Plastic is fantastic“
gegeben. Aufgrund des Produktionsortes unseres Gegenstandes sollte jedoch nicht
auf die Materialbezeichnung „Plaste“ verzichtet werden, aus welchem das Objekt
besteht. Der Begriff „Plaste“ ist eine ostdeutsche Besonderheit, die noch heute
im Sprachgebrauch verankert ist.
Bei dem Objekt handelt es sich um einen orangefarbenen
Papierkorb, „Made in GDR“. Er ist neu in den Sammlungsbestand aufgenommen
worden. Kurz zuvor war er noch im Büro eines Museumsmitarbeiters im Einsatz,
der vor Rentenantritt das schöne Objekt aussortierte, um Platz für neue
Einrichtungsgegenstände zu schaffen. Das Team der Sammlung erkannte sofort,
dass dieses Objekt keines für den Müll ist, sondern ein Designklassiker, der
bewahrt werden muss.
Unter anderem in den Farben Blau, Gelb und Orange war der
Papierkorb in 1. Wahl-Qualität für 7,00 Mark zu erwerben. Die Grundform ist
einfach, aber in seiner Konstruktion stabil. Der Korb ist konisch geformt. Er
verjüngt sich nach unten. Seine untere Wandung ist bis zur Höhe von ca. 8 cm geschlossen.
Der überwiegende Teil ist netzartig geöffnet; senkrechte Plastikstäbe werden
durch horizontale Ringe verstärkt. Der obere Rand ist etwa 2 cm breit und gibt zusätzlich
Stabilität. Insgesamt ist der Papierkorb sehr dünnwandig: Minimaler
Materialeinsatz bei maximaler Stabilität könnte man sagen.
Gefertigt ist er aus Polyethylen. Dieses Material wurde 1935
entwickelt, etablierte sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts als Gebrauchsmaterial – ähnlich verhielt es sich mit anderen
Kunststoffen, die bereits früher existierten. Plastik- bzw. Plaste-Artikel, v.
a. in Küche und Bad, setzten sich erst in der Konsumgesellschaft der
Nachkriegszeit durch und wurden zu Alltagsgegenständen. Mittlerweile sind
Plaste und DDR-Produktkultur im kulturellen Gedächtnis verankert. Man denke
bspw. an die Kunststoff-Eierbecher mit Hähnchenkopf, Küchengeräte wie das
Handrühr- und Mixgerät „AKA electric RG28s“ oder den allseits beliebten
und auch heute noch gern genutzten Lebensmittelzerkleinerer „Multiboy“.
Dass Kunststoff in der DDR-Alltagskultur prominent war, ist
kein Zufall, sondern Resultat programmatischer Einführung des Materials. Auf
der Chemiekonferenz 1958 in Leuna wurde ein wegweisendes „Chemieprogramm“
beschlossen. Unter dem Motto „Chemie gibt Brot – Wohlstand –
Schönheit“ sollte das Programm den Lebensstandard erhöhen – unabhängig von
Importen aus dem nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet. „Brot“ meinte dabei
den Einsatz von Kunstdünger für höhere Ernteerträge, „Wohlstand“ bezog sich auf
die Steigerung der Produktion von Alltagsgegenständen und „Schönheit“
verdeutlichte die Möglichkeiten bunter Chemiefasern wie Dederon, die Farbe in
die grau-braunen Töne der Nachkriegskleidung bringen sollten. Eine durch Chemie
gestaltete Zukunft blühe auf – so der Gedanke. Kunststoff sollte die Moderne
gestalten und den Erfolg des Sozialismus symbolisieren. Die Vorzüge der
Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich ästhetischer Qualitäten wurden
hervorgehoben.
Grundlage für die Kunststoffproduktion waren Braunkohle, die
auf dem Gebiet der DDR ausreichend zur Verfügung stand, und seit 1963 Erdöl aus
Russland (Pipeline „Druschba“/„Freundschaft“). Zudem war bereits im Deutschen
Reich auf dem Gebiet der späteren DDR ein Standort der chemischen Industrie.
Konsumgüter aus Plaste sollten Stoffe wie Wolle, Baumwolle, Glas, Aluminium und
Kautschuk imitieren und ersetzen. Tatsächlich lässt sich ein Anstieg von
Kunststoffartikeln verzeichnen. Wurden 1958 noch etwa 100.000 Tonnen
produziert, waren es 1989 bereits 1 Millionen Tonnen. Es ist aber ebenso zu
vermerken, dass Plaste mit der Zeit seine Metaphorik des Fortschrittlichen
verlor. Zwar als modern und zukunftsweisend angepriesen, wurden Designs aus
Plaste und Elaste ab den 1970er und 1080er Jahren zunehmend als uniform und
teils billig wahrgenommen, weshalb verbraucherseits eine Hinwendung zu
natürlichen, etablierten Materialien zu beobachten ist.
Dennoch ist die „Plastifizierung“ der DDR in fast allen
Lebensbereichen zu finden. So auch unter dem Bürotisch als Mülleimer in Gestalt
eines Papierkorbs. Unser Objekt gehörte zum Büro-Inventar des Museums und trägt
die Nummer VI/14. Vermutlich stammt diese noch aus dem Bezirkskabinett für
Kulturarbeit Suhl, von welchem Anfang der 1990er Jahre Sammlungsobjekte,
Büromöbel und sogar Kolleginnen in das Hennebergische Museum Kloster Veßra übernommen
wurden.
Solche Papierkörbe gehören zu den bekannten
Alltagsgegenständen, die im Plastverarbeitungswerk Staaken (Berlin), welches nach
dem Chemieprogramm 1960 auf einem kriegsbeschädigten Flugplatzgelände
neugegründet wurde, produziert wurden. Der dazugehörige Entwurf stammt
ebenfalls aus der Zeit um 1960. An den Kunsthochschulen in Halle und Berlin
entstanden in den frühen 1960er Jahren einige bemerkenswerte Produktentwürfe
für Kunststoffartikel. Der Industrie-Designer und Entwurfsgestalter unseres
Papierkorbs Albert Krause war Absolvent des Instituts für künstlerische
Werkgestaltung Burg Giebichenstein Halle und Formgestalter des Instituts für
Entwurf und Entwicklung.
Unser Objekt des Monats ist ein echter Designklassiker.
Neben dem Gebrauchswert und der Formgestaltung ist er zugleich Zeugnis
historischer Lebenswelt, die die „Plastifizierung“ der DDR beinhaltet.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von Euch noch an diesen formschönen Gegenstand. Noch lange nach 1989 war er in vielen Büros vertreten. Stand er auch unter Deinem Schreibtisch? Oder tut er dies bis heute?
Papierkorb, 1960–1989
Entwurf: Albert Krause an der Burg Giebichenstein in Halle, um 1960
Herstellung: VEB Plastverarbeitungswerk Staaken (Berlin)
Produktionszeit: 1960–1989
Material: Polyethylen
Maße: Durchmesser oben 28 cm, Durchmesser unten 18,8, cm, Höhe 30,2 cm
Inschrift (Prägung am Boden): „Made in GDR S2401/4“; „1. Wahl EVP 7,00 M“; „PS“ [Logo des Plastverarbeitungswerks Staaken/Sprelawerke Spremberg]
HMKV, Inv.-Nr. I 498
Böhme, Katja/Ludwig, Andreas: 50 Jahre Chemiekonferenz der
DDR. Metaphorik eines Versprechens und Durchdringung des Alltags (https://werkstattgeschichte.de/wp-content/uploads/2017/02/WG50_025-032_LUDWIG_CHEMIEKONFERENZ.pdf)
(zul. aufg. am 26.1.2026).
Böhme, Katja/Ludwig, Andreas (Hrsg.): Alles aus Plaste.
Versprechen und Gebrauch in der DDR, Wien/Köln/Weimar 2012, S. 13–38, S.
194–203.
Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hrsg.): Papierkorb
aus Kunststoff, o. J. (https://brandenburg.museum-digital.de/object/36642)
(zul. aufg. am 23.1.2026).
Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Hrsg.):
Papierkorb aus Kunststoff, o. J. (https://brandenburg.museum-digital.de/object/3676)
(zul. aufg. am 23.1.2026).
Grossmann, Stephanie: Formschön, farbenfroh und
zweckentsprechend. Die Gestaltung der Haushaltswaren aus Plaste, in: Böhme,
Katja/Ludwig, Andreas (Hrsg.): Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in
der DDR, Wien/Köln/Weimar 2012, S.73–86.
Höhne, Günter: DDR-Design. Arbeit. Freizeit. Ferien, Berlin
2028, S. 28–37.
Jampol, Justinian/Die DDR-Sammlung des Wendemuseums (Hrsg.):
Das DDR-Handbuch. The East German Handbook. Kunst und Ausstellungsgegenstände
aus der DDR. Arts and
Artifacts from the GDR, Köln 2017, S. 167–171.
SL: „Chemie gibt Brot – Wohlstand – Schönheit“, 2.11.2018 (https://www.mdr.de/geschichte/ddr/wirtschaft/chemiekonferenz-leuna-100.html)
(zul. aufg. am 26.1.2026).
Stiftung Industrie- und Alltagskultur: Albert Krause (1925-2012), o. J. (https://www.stiftung-industrie-alltagskultur.de/projekte/design-in-der-ddr/gestalter/albert-krause/) (zul. aufg. am 23.1.2026).