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Ein Haus für die Gemeinde

„Wenn in einem Freilichtmuseum ein neues Haus eröffnet wird, ist das immer ein besonderer Moment“, so zitiert 2010 eine regionale Zeitung den damaligen Museumsdirektor Thomas Witter in einem Artikel. Anlass dieser Worte: Auf dem Gelände des Hennebergischen Museums Kloster Veßra wird ein umgesetztes Gebäude eröffnet. Bei dem Gebäude handelt es sich um das ehemalige Gemeindehaus aus Heckengereuth, ein Haus mit spannender Geschichte. Gemeindehäuser stellen Orte des sozialen Zusammenkommens und Austausches dar. Sie können einer (Kirchen-)Gemeinde auf vielerlei Weise dienen und gemeinnützige Zwecke erfüllen.

 

Der Vorgängerbau des Gemeindehauses wird um 1840 als Hirtenhaus in dem von Kloster Veßra circa 12 km entfernten Ort Heckengereuth (LK Hildburghausen, Ortsteil von Schleusingen) erbaut. In den 1860er Jahren steht das Haus leer, bis es von der Dorfgemeinde als Pfandkammer genutzt wird und später als Armenhaus dient. Etwa 40 Jahre nach der Erbauung wird das Gebäude durch einen Neubau ersetzt. Dem Neubau geht ein Dokument aus dem Jahr 1877 vorweg, mit dem die Dorfgemeinde Heckengereuth das Bauvorhaben dem Amtsvorsteher aus Schleusingen zur Kenntnisnahme vorlegt. Das Vorhaben wird dabei bereits als „baupolizeilich genehmigt (…)“ ausgewiesen. In dem Bericht heißt es, dass das neue Gebäude an derselben Stelle des Vorgängerbaus errichtet werden soll, zentral am Dorfanger. Es soll aus einer Wohnstube, einer Küche, drei Kammern, einem Flur und einem Raum zur Lagerung der Feuerspritze bestehen. Das Gebäude wird mit 9,50 Metern Länge und 8 Metern Breite angegeben. Das Haus soll aus Holz und Lehmfachwerk erbaut werden, auf der rechten Giebelseite ist ein schieferverkleideter Turm mit Uhr und Glocke angedacht und das Hausdach soll mit Ziegeln versehen werden. Ein Dokument von 1880 erwähnt, dass nicht alle Baumaßnahmen nach Plan umgesetzt werden, es sich jedoch nur um unerhebliche Abweichungen handele.

 

Der Neubau wird bis in die 1930er Jahre bewohnt, bevor er zum Andachtsraum für die Kirchgemeinde umfunktioniert wird und ein anderer Raum von der Gemeinde zum Schlachten genutzt wird. Im Laufe der Zeit finden einige Erneuerungen und Reparaturen am Haus statt, beispielsweise 1940/41 die Neudeckung des Dachs. Während des Zweiten Weltkrieges wohnen zwischenzeitlich evakuierte Menschen aus Dortmund in dem Haus. Ab 1945 dient es als Unterkunft für eine aus Böhmen (heute Tschechien) vertriebene Familie. Diese lebt zeitweise zu acht auf nur 36 qm Fläche. Vier Generationen teilen sich dabei ein Dach. Der wenige Platz zwingt die Familie dazu, die Wohnküche auch zum Waschen, als Gemeinschaftsraum und zum Schlafen zu nutzen. Auf dem Dachboden, der eigentlich hauptsächlich zur Heu- und Strohlagerung dient, wird ein weiteres Bett aufgestellt. Ein anderer Raum im unteren Geschoss muss als Stall für Ziegen und Hühner herhalten. Da die Familie auf ihrer Flucht nur mit wenig Gepäck in Heckengereuth angekommen ist, ist sie auf die Hilfe der Gemeinde angewiesen.

 

Die Familie bekommt erste Möbelstücke von den Leuten vor Ort und sie ist trotz des Platzmangels froh, zusammen in einem Haus unterkommen zu können. Herzlich empfangen sind vertriebene und zwangsumgesiedelte Menschen von den Dorfgemeinden aber oft nicht. Dass diese Menschen ihr Zuhause nicht freiwillig verlassen, geliebte Menschen zurücklassen müssen und meist nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen dürfen, stößt auf wenig Empathie. Sie werden meist als zusätzliche Belastung in der Nachkriegszeit angesehen und das lässt man sie oft spüren. Insgesamt 14 Millionen Menschen werden im Zuge des Zweiten Weltkrieges aus ehemals deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa vertrieben, davon werden etwa 4 Millionen Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone ansässig, der späteren DDR. Sie werden ab 1945 „Umsiedler“ genannt und bevorzugt im ländlichen Raum untergebracht, da es dort mehr Nahrung und Unterkunft gibt als in den kriegszerstörten Städten. Trotz Beschluss der Potsdamer Konferenz, die „Umsiedlung“ der Menschen in keine „wilde Vertreibung“ zu verwandeln, stehen militärische Gewalt und Übergriffe an der Tagesordnung.

 

Die Familie, die im Gemeindehaus Heckengereuth unterkommt, übernimmt Tätigkeiten im Dorf, wie etwa das Läuten der Glocke am Haus oder das Austragen von Zeitungen. Die Familienmitglieder ziehen aber nach und nach aus, 1987 verstirbt die Großmutter, welche als einzige in dem Haus verblieb. Ende der 1980er Jahre ziehen ein letztes Mal Menschen in das Haus. Ab den 1990er Jahren wird das Haus schließlich nicht mehr bewohnt und ist dem Zahn der Zeit ausgeliefert. Die Stadt Schleusingen, zu der Heckengereuth als Ortsteil zählt, gibt schließlich bekannt, das Haus nicht mehr erhalten zu können und schenkt es dem Museum in Kloster Veßra. Ganz umsonst ist es für das Museum trotzdem nicht, denn das Gebäude muss schließlich noch umgesetzt und saniert werden. Außerdem soll die Geschichte des Hauses thematisch aufgearbeitet werden und als Ausstellung in dem Gebäude Platz finden. All diese Maßnahmen nehmen eine Zeitspanne von fast zehn Jahren ein. Am 11. Dezember 2001 findet die Translozierung statt, 2002 beginnt der Wiederaufbau des Fachwerks und der Massivteile auf dem Museumsgelände, 2003 wird das Dach gedeckt. Während der Wiederaufbauphase wird bei Untersuchungen festgestellt, dass die Wände in der Stube 27 Farbfassungen aufweisen, also 27-mal bearbeitet wurden. Die Dokumentation aus der Zeit der Umsetzung hält zudem fest, dass das Haus eine Holzbalkendecke aufweist. Das Dach ist ein sogenanntes Kehlbalkendach mit doppelt stehendem Stuhl. Gedeckt ist das Dach mit Krempziegeln. Die Böden variieren zwischen Estrich, Dielung und Natursteinplatten. Im Inneren des Hauses führt eine einläufige Treppe in das obere Geschoss. An der Außenfassade ist das Fachwerk teilweise verschiefert. Das Dach trägt nach wie vor einen Turm mit Uhr und Glocke. 


2010 ist es dann endlich so weit. Viele Menschen aus Heckengereuth sind zur Neueröffnung ihres ehemaligen Gemeindehauses am Denkmaltag 2010 in das Museum gekommen. Einiges hat sich verändert, manches ist gleichgeblieben. Alle zwei Tage muss nach wie vor die Uhr am Turm des Gemeindehauses nachgezogen werden. Vor der Translozierung übernahm das die Gemeinde Heckengereuth, heute Museumsmitarbeiter. Die Rückseite des Gebäudes dient nun der Museumspädagogik zur Erläuterung verschiedener Lehmbauweisen. Die Gefache des einstigen Schuppens wurden nämlich vom Museum im Laufe der Zeit auf unterschiedliche Weisen aufgefüllt. Bei dem Wiederaufbau des restlichen Baus und der Einrichtung wird sich an dem Zustand um 1950 orientiert. Die Räume, wie etwa die Wohnküche, werden dabei möglichst authentisch eingerichtet, um die beengten Wohnverhältnisse dieser Zeit darzustellen. Andere Räume werden vom Museum als Ausstellungsflächen genutzt. Ein Raum widmet sich zum Beispiel dem Thema der Translozierung von Häusern. Im Raum, der einst als Stall genutzt wurde, befasst sich die Ausstellung „Zwischen Verlust und Neubeginn. Flüchtlinge und Vertriebene nach 1945“ mit der eigenen Geschichte des Hauses als Unterkunft für Vertriebene und allgemein mit dem Thema Flucht und Vertreibung nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Ausstellung wurde mit Studierenden aus Jena zusammen erarbeitet. Wer es nicht selbst in das Gemeindehaus auf dem Museumsgelände schafft, der kann das Gebäude über einen 3D-Rundgang kennenlernen: https://www.rooom.com/360-view/S9xmGeU9Psq.

Gemeindehaus aus Heckengereuth (LK Hildburghausen), um

1880 errichtet, 2001/2002 Umsetzung ins Museum

HMKV, Objekt-Nummer Bw 15

 

Literatur und Quellen:

Transkript des Dokuments zum Abriss des
Gemeinde-Wächter-Hauses Heckengereuth 1877 (Thüringisches Staatsarchiv Gotha,
Signatur, Kopie im Archiv HMKV:).

Braune, Gudrun (Hg.)/Fauser, Peter (Hg.)/Spieker,
Ira/Bretschneider, Uta: Lebens(um)wege. Flucht, Vertreibung und Neubeginn in
biographischen Skizzen (Thüringer Hefte für Volkskunde 19), Erfurt 2011.

Bretschneider, Uta: Zwangsmigration und Neubeheimatung.
„Umsiedler“ als „Neubauern“ in der SBZ/DDR, in: Jahrbuch für Geschichte des
ländlichen Raumes 11), Innsbruck 2015, S. 37–52.

Hube, Marina: Ein schwerer Anfang für die Vertriebenen, in:
inSüdthüringen 04. November 2021 (
https://www.insuedthueringen.de/inhalt.zwangsaussiedlung-ein-schwerer-anfang-fuer-die-vertriebenen.3edec9c8-f507-4d6b-8173-1fd1b78f14e4.html) (zuletzt aufgerufen am 23.07.2026).

Redaktion inSüdthüringen: Neue Heimat für Gemeindehaus
Heckengereuth, in: inSüdthüringen 15. September 2010 (
https://www.insuedthueringen.de/inhalt.hildburghausen-neue-heimat-fuer-gemeindehaus-heckengereuth.0863ec77-912a-4550-a4f6-817043c0ceb0.html) (zuletzt aufgerufen am 23.07.2026).

Schiemann, Sara/ Rühmling, Melanie/ Klärner, Andreas: „Die
Dorfgemeinschaft“ (In)Begriff sozialer Nähe und gesellschaftlichen
Zusammenhalts?, in: Agrarsoziale Gesellschaft (ASG): Ländlicher Raum (2022) 2,
S. 25 – 45.

Spieker, Ira/Bretschneider, Uta: Ankommen in
Thüringen? Flüchtlinge und Vertrieben um 1945: Zur Musealisierung
biographischer Brüche, in: Heinke M. Kalinke (Hg.): Zeitzeugenberichte zur
Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im 20. Jahrhundert.
Neue Forschungen, Oldenburg2011/2012. (
https://www.bkge.de/assets/downloads/Zeitzeugenberichte/Forschungsbeitraege/Spieker_Bretschneider_Ankommen_in_Thueringen.pdf) (zuletzt aufgerufen am 23.07.2026).

Bildquellen: 

Abb. 1.: Das Gemeindehaus heute auf dem Gelände des HMKV. Blick über Mühlteich. HMKV_LF.

Abb. 2: Das Gemeindehaus am ursprünglichen Standort in Heckengereuth. Jahr unbekannt. Archiv HMKV.

Abb. 3 und 4: Die Translozierung des Hauses. Jahr unbekannt. Archiv HMKV.

Abb. 5: Die Eröffnung des Gemeindehauses auf dem Museumsgelände 2010. Archiv HMKV.

Abb. 6, 7 und 8: Das Gemeindehaus heute mit Blick ins Innere. Die Rückseite des Gebäudes dient der MusPäd zum Demonstrieren von Lehmbauweisen. HMKV_LF.

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