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Ein Fachwerkhaus-Modell von 1907 aus der Sammlung des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins

Das Objekt des Monats Januar 2026 ist ein Fachwerkhaus-Modell aus dem Jahr 1907 (Abb. 1–8). Es war 30 Jahre lang, von 1994 bis 2024, in der Dauerausstellung „Henneberg durch Land und Zeit“ zu sehen. Nach dem Abbau der Ausstellung kann das Modell nun Anfang 2026 ins neue Museumsdepot, das Sammlungszentrum Henneberger Land, verbracht werden und nach musealen Standards nachinventarisiert, digitalisiert und bewahrt werden. Denn obwohl das Objekt seit 1982 zum Sammlungsbestand des Hennebergischen Museums Kloster Veßra gehört und obwohl es jahrzehntelang ausgestellt und in einem grundlegenden Aufsatz von Thomas Witter besprochen ist, war das Objekt bis dato nicht ordentlich inventarisiert, geschweige denn digitalisiert oder auch weitergehend untersucht.

Auf der alten Inventar-Karte des Objekts sind lediglich der unspezifische Titel „Modell Fachwerkhaus“, die Herkunft „Museum Meiningen Übernahme 10.2.1982“, eine Objektrestaurierung 1992, Materialien und Maße genannt. Eine Inventar-Nummer wurde nicht vergeben, nur ein „M“ – vermutlich als Modell-Bezeichnung – ist auf der Karte vermerkt. Über eine Fotografie von Bernhard Großmann (Abb. 8) kann das Objekt eindeutig identifiziert werden.

 

Beschreibung

Das Modell eines Fachwerkhauses (Abb. 1–7) wurde aus zurechtgesägten und bemalten Sperrholztafeln zusammengeklebt bzw. genagelt. Die Fachwerkkonstruktion, Fenster und Türen sind aufgemalt. Unter der stellenweise abgeriebenen Bemalung wird die Bleistiftvorzeichnung erkennbar. Teilweise ist das Fachwerk mehrfach übermalt worden (Abb. 3–4). Auf die Satteldachflächen wurde eine Eindeckung aus roten Ziegelsteinen gemalt. Das Modell steht auf einer rechteckigen Bodenplatte. Die Flächen um das Haus sind als Grünflächen gestaltet. Vor der Giebelseite wird das Grundstück von einem Gartenzaun mit Torpfosten begrenzt. Der Zugang zum Haus erfolgt zwischen den Torpfosten hindurch über eine Rampe und ein Treppenpodest zur Eingangstür an der Traufseite. Das Fachwerkhaus besteht aus zwei aneinandergefügten Bauteilen: einem längsrechteckigen Wohnhaus mit Eingangstür und einem daran anschließenden schmaleren und höheren Bauteil mit großer offener Toreinfahrt. Die Dächer der beiden unterschiedlich hohen Bauteile sind abnehmbar, so dass die Innenraumaufteilung sichtbar wird. Über der Toreinfahrt findet sich ein großer Speicherraum mit Innentreppe (Abb. 6). Die Fenster der Außenfassade über der Toreinfahrt entsprechen nicht dem einen Fenster auf der Innenwand. Auch die Innenraumaufteilung im Wohntrakt des Hauses entspricht nicht der äußeren Fassadengestaltung. Die Innenraumwände sind auffallend bunt gestrichen. In manchen Räumen stehen Einrichtungsgegenstände. In der grün gestrichenen Wohnstube findet sich ein großer Kachelofen (Abb. 7). Durch eine mit rotem Vorhang versehene aufgemalte Wandöffnung gelangt man in den angrenzenden, gelb gestrichenen Raum. In einem grau gestrichenen Raum steht ein Küchenherd auf einem gestuften Podest. Treppeneinbauten, aufgemalte Türen und Fenster deuten darauf hin, dass das Hausmodell offensichtlich mehrfach verändert wurde und dadurch architektonisch nicht stimmig ist.

Daraus ergibt sich die Frage nach der Nutzung und Funktion des Modells. Schon Witter stellte in seinem Aufsatz aus dem Jahr 2000 fest, dass die Frage nach der Funktion nicht eindeutig beantwortet werden kann. Es handelt sich weder um die Nachbildung eines konkreten bestehenden Gebäudes noch um ein Entwurfsmodell. Auch die Vermutung, dass es sich möglicherweise um ein Präsentations- und Anschauungsmodell zur Lehre handeln könnte, ist zwar naheliegend, aber nicht belegt.

 

Provenienz und Objektgeschichte

Das Modell ist an der hinteren Schmalseite der Bodenplatte signiert und datiert: „A. Krenz 1907“ ist dort in Schreibschrift in brauner Farbe zu lesen. Wer A. Krenz war, ist bislang nicht bekannt. Bereits drei Jahre später, 1910, ist das Modell zusammen mit vier weiteren in den Sammlungsbestand des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins (HAV) übergegangen und war fortan im Vereinsmuseum in Meiningen ausgestellt. Im 1912 publizierten „Führer durch das Museum des hennebergischen altertumsforschenden Vereins in Meiningen“ werden die „fünf Dorf- bzw. Hausmodelle (Nr. 6529-6532)“ erstmals kurz beschrieben. Das gezeigte Modell stellt demnach vermutlich „das fränkische Fachwerkhaus“ dar. In dem Text wird auch der Herstellungsort, die „Industrieschule zu Sonneberg“, genannt. Dank Witters Recherchen kennen wir außerdem den Einlieferer bzw. Schenker der Modelle an den HAV: Es war Eduard Fritze, damals Direktor des HAV. Möglicherweise aufgrund dieser Provenienz wurde das Objekt im Begleitheft zur Ausstellung „Henneberg durch Land und Zeit“ als ein im Umkreis Eduard Fritzes am Technikum Hildburghausen entstandenes Modell bezeichnet. Eindeutige Belege hierfür gibt es jedoch nicht.

Eduard Fritze war von 1894 bis zu seinem Tod 1926 Direktor des HAV und kuratierte die Sammlung des Vereins. Übrigens: Der Trägerverein unseres Museums, der Hennebergisch-Fränkische Geschichtsverein, ist aus dem HAV hervorgegangen. Zurück zu Eduard Fritze: Bekannt ist Fritze (1894–1926) insbesondere als Oberbaurat Meiningens unter Herzog Georg II., als Regierungskommissar im Sachsen-Meiningischen Staatministerium, als Architekt im damaligen Herzogtum Sachsen-Meiningen und als Architekturgeschichtsforscher. Fritzes wissenschaftliche Untersuchungen zur Fachwerkarchitektur bilden die Basis für seine denkmalpflegerischen Bestrebungen und darüber hinaus sind sie bis heute Grundlage für jede weitere Untersuchung zur Fachwerkarchitektur im Henneberger Land. In seinem 1892 publizierten Standardwerk über „Fränkisch-Thüringische Holzbauten“ prägte Fritze den Begriff des hennebergisch-fränkischen Baustils.

Auf Eduard Fritzes Initiative hin erarbeiteten Schüler des Technikums Hildburghausen zwischen 1904 und 1908 eine umfangreiche Fachwerkhaus-Dokumentation zu 110 Häusern in 35 Dörfern und Städten in den heutigen Landkreisen Schmalkalden-Meiningen, Hildburghausen und in der Stadt Suhl, die eine Grundlage für weitere Untersuchungen ist. Es ist die Zeit der Heimatschutzbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm und u. a. den Erhalt regionaler Bauweisen und Baustile zum Ziel hatte. In dieser Zeit, 1907, entstand an der Industrieschule Sonneberg das gezeigte Fachwerkhaus-Modell von A. Krenz möglicherweise als Anschauungsmodell und Lehrmittel zur Visualisierung der regionalen Fachwerkbauweise und Bauernhauseinrichtung.

Anfang der 1980er Jahre
schließlich kam das Fachwerkhaus-Modell im Zuge der sogenannten Profilierung
der Museen des ehemaligen Bezirkes Suhl in den Sammlungsbestand des heutigen
Hennebergischen Museums Kloster Veßra (kurz HMKV). Im Archiv des HMKV findet
sich eine handgeschriebene „Liste der von den Staatlichen Museen Meiningen
übernommenen Sammlungsobjekte“, auf der unter Nr. 18 „4 Hausmodelle (stark
beschädigt)“ mit den ehemaligen Inventar-Nummern das HAV „6532 / 6531 /“ verzeichnet
sind. Die Liste ist nicht datiert, jedoch legt ein weiteres datiertes
Übergabeprotokoll anderer Objekte die Vermutung nahe, dass auch die Hausmodelle
am 10.2.1982 in den Sammlungsbestand des Museums übernommen wurden. 1992 wurden
die Modelle in Vorbereitung der Dauerausstellung „Henneberg durch Land und
Zeit“ in der Restaurierungswerkstatt für Möbel und Holzspielzeug in Henfstädt
von Michael Göllner gereinigt und restauriert. Fehlende Teile wurden ergänzt
und Farbfassungen gesichert. Neben dem beschriebenen Hausmodell, dem Objekt des
Monats Januar 2026, finden sich drei weitere Modelle aus dem HAV in der
Sammlung des HMKV. Die vier Architekturmodelle gehören zu den ersten Objekten,
die Anfang 2026 ins Sammlungszentrum Henneberger Land umziehen. 

Architekturmodell „Fränkisches Fachwerkhaus“, Industrieschule Sonneberg, A. Krenz, 1907

Holz, gesägt, genagelt, geklebt, bemalt, Papier, Pappe

Maße (L x B x H): 46 cm x 32,5 cm x 31 cm

Signiert und datiert: „A. Krenz 1907“

Provenienz: Sammlung des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins Meiningen

 

HMKV, Inv.-Nr. I 494

Weiterführende Literatur

Fritze, Eduard:
Fränkisch-Thüringische (althennebergische) Holzbauten aus alter und neuer Zeit,
Meiningen 1892.

Pusch, Hermann: Führer durch
das Museum des hennebergischen altertumsforschenden Vereins in Meiningen,
Meiningen 1912, S. 66.

Agrarhistorisches Museum
Kloster Veßra: Aufnahmen altbäuerlicher Gehöfte aus vormals Hennebergischen
Bezirken. Fünf Reproduktionen bisher unveröffentlichter Zeichnungen von
Schülern des Technikums Hildburghausen, Kloster Veßra 1989.

Agrarhistorisches Museum
Kloster Veßra: Informationsmaterial zur Sonderausstellung Dorfansichten um
1900. Eine Auswahl bisher unveröffentlichter „Aufnahmen altbäuerlicher Gehöfte
aus vormals Hennebergischen Bezirken“, Kloster Veßra 1989. [Faltblatt]

Jakob, Andrea / Wiegand,
Winfried / Stoi, Gerd: Die Sammlungen des Hennebergischen altertumsforschenden
Vereins zu Meiningen (Sonderveröffentlichungen des Hennebergisch-Fränkischen
Geschichtsvereins 2), Meiningen 1992, hier S. 10.

Wölfing, Günther: Henneberg
durch Land und Zeit. Ausstellung zur Geschichte Südthüringens. Begleitheft
(Veröffentlichungen des Hennebergischen Museums Kloster Veßra 4), Kloster Veßra
1994, S. 126.

Erck, Alfred / Schneider,
Hannelore: Eduard Fritze. Persönlichkeit, Lebenswerk und Wirken für den
Hennebergischen altertumsforschenden Verein. Einige Überlegungen, in: Jahrbuch
des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereines 10 (1995), S. 9–29.

Schwämmlein, Thomas: Die Industrieschulen Sonneberg und Neustadt bei Coburg, in: Coburger Geschichtsblätter 4 (1996) 1–2, S. 28–42.

Witter, Thomas: Fachwerkhausmodelle Eduard Fritzes aus der Sammlung des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins, in: 25 Jahre Hennebergisches Museum Kloster Veßra 1975–2000. Festschrift, Kloster Veßra 2000, S. 185–190.

Torsten Lieberenz: Quellen zur Bauernhofforschung in Thüringen, in: Hohenfelder Blätter (2017) 62, S. 1–15.








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