Sonderausstellung „Ungesehen. Frauen in der Landwirtschaft“ – Biografischer Beitrag: Gabrielle Rüttinger
Frauen in der Landwirtschaft
Mein Name ist Gabriele Rüttinger und ich bin Jahrgang 1956. Mit den Eltern, zwei Geschwistern und der Oma lebten wir auf einem Bauernhof in Streufdorf. Meine Eltern bewirtschafteten 15 ha Acker und zu Hause im Stall gab es Pferde (deren Namen Liesa und Peter weiß ich heute noch), Kühe, Schafe, Hühner, Gänse, Enten, Katzen und einen Hund.
Wir Kinder gingen in den Kindergarten und die Oma brachte uns hin und holte uns ab. Unsere Eltern arbeiteten viel und konnten nicht viel Zeit mit uns verbringen. Wir schliefen zu dritt in einem Zimmer neben dem Elternschlafzimmer. Im Winter gefroren an den Fenstern die Eisblumen und ohne Wärmflaschen und Handschuhe ging es nicht ins Bett.
Bei uns im Hof war immer Leben, die Nachbarskinder kamen viel und gerne zum Spielen. Später waren die Straße und der Heuboden unser Spielplatz, sogar Höhlen wurden ins Heu gebaut.
Im Sommer bauten wir aus Kleeböcken Zelte. Eine Aufgabe selbst für kleine Kinder war das Gänsehüten. Hinter den Gärten gab es einen Graben, da badeten wir Kinder mit den Gänsen und hatten unseren Spaß dabei. Wir waren uns viel selbst überlassen. Es hat funktioniert, weil die Größeren auf die Kleinen aufpassten und wir überall zusammen waren.
Meine Eltern waren mit Leidenschaft Bauern. Meine Mutter liebte ihre Tiere. Mit der Zwangskollektivierung wurden die Pferde, Kühe und Schweine abgeholt und zentral gehalten. Dennoch fütterten wir eine Kuh, ein Kalb und Schweine zum Eigenbedarf. Später waren es dann die Ziegen bis in die späten 80er Jahre.
Bauern waren Eigenversorger. Es wurde geschlachtet und eingeweckt, Obst von der eigenen Anlage geerntet und eingeweckt. Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren und Pilze im Wald gesammelt und verarbeitet. Bier, Saft und Wein wurde selbst hergestellt. Limo oder Cola? Kannten wir nicht!
Die Gänse- und Entenfedern wurden gesammelt und im Winter geschlissen. Da kamen die Nachbarinnen zum Helfen. Jede hatte ihr Häufchen Federn vor sich auf dem Tisch und die Federn wurden vom Stiehl getrennt. Da wurde viel erzählt, gelacht und getratscht. Wir Kinder halfen mit und lauschten interessiert. Aber wehe, eine Feder kitzelte in der Nase und man musste nießen! Da stoben die Haufen auseinander und man wurde geschimpft.
Meine Mutter war gerne draußen im Stall und Feld. Ich war schon in der Schule, es gab schon die LPG. Da suchte ich meine Mutter und sie eggte mit zwei Pferden ein Feld. Dieses Bild habe ich vor Augen, wenn ich an sie als Bäuerin denke.
Als Mutter war sie liebevoll und geduldig. Im Winter spielten wir oft Mühle und Dame, da war sie perfekt. Wir Mädchen lernten stricken und häkeln bei ihr. Die Hausaufgaben machte Oma mit uns und Lesen übte ich mit Oma. Wir waren alle drei sehr gute Schüler, obwohl unsere Eltern keine Zeit hatten mit uns zu üben, hatten sie den Überblick über Lehrstoff und Verhalten. Die Lehrerbesuche zuhause dauerten oft bis in die Nacht, dabei ist nicht nur über die Schule gesprochen worden.
Wie haben die Frauen das alles geschafft? Kinder, Wäsche, Kochen, Backen, Sauber machen, Vieh versorgen, Heu machen? Es gab keinen Urlaub, keinen Haushaltstag, nichts. Nur Arbeit.
Gab es ein Familienfest, so wurde die Stube ausgeräumt. Es wurde im Backhaus gebacken, mehr als 10 große, runde Bleche. Da hat dann eine Nachbarin geholfen. Zum Festtag selbst wurde eine Köchin angestellt. Die Hühner wurden gekocht für die Suppe, die Braten vorbereitet und große Schüsseln Pudding und Nachtisch gekocht. Eine gelungene Feier war der Stolz der Hausfrau.
Mit der LPG Vollgenossenschaftlichung arbeitete meine Mutter im Feldbau. Im Frühjahr wurden Rüben und Kartoffeln gehackt, später Klee aufgebockt und Heu gemacht. Im Herbst kamen die Erntewochen mit Kartoffeln lesen und Rüben ernten. Waren im Winter die Kartoffelsäcke geflickt, wurde es dünn mit Arbeit. Erst viel später, Ende der 60er Jahre wurden Winterarbeitsplätze über Sonni Spielwaren bereitgestellt.
Anfang der 70er Jahre wechselte meine Mutter in die Tierproduktion in die Bullenmast. Grund war das Geld, im Stall war der Lohn höher und durch die vielen Überstunden wurde mehr verdient. Schwer verdient, mit schwerer körperlicher Arbeit, wochenlang ohne einen freien Tag. Eine Arbeit, die heute keiner mehr verrichten würde.
Fazit
Ich bin in und mit der Landwirtschaft groß geworden. Ich habe Achtung und Respekt vor dem Beruf des Bauern und der Bäuerin. Sie schaffen die Grundlage unseres Lebens, die Ernährung von Mensch und Tier.
Leider vermisse ich in unserer Gesellschaft die Akzeptanz der Landwirtschaft als Grundversorger!
Gabriele Rüttinger
Streufdorf, 14.04.2026